"Wie sagt man nochmal auf Deutsch?" Lernende mit Deutsch als Zweitsprache beim Wortschatzerwerb unterstützen

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Sprachliche Kompetenzen spielen eine wichtige Rolle für den Bildungserfolg. Eine wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen (Schrift-) Spracherwerb ist, unter anderem, die gezielte Förderung des Wortschatzes. Insbesondere Kinder, die Deutsch nicht als Erstsprache erwerben, profitieren von einer systematischen Förderung.

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Zitationsvorschlag: Bleher, K., Petermann, A., Weiermann, L., Weicker, M., & Vogel, S. (2026). „Wie sagt man nochmal auf Deutsch?” Lernende mit Deutsch als Zweitsprache beim Wortschatzerwerb unterstützen (InfoTEXT aus KONTEXT Grundschule, 9). DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. https://doi.org/XXX

Worum geht es?

Schüler*innen, die das Deutsche als Zweitsprache (DaZ) zeitversetzt zu einer oder mehreren Erstsprachen erwerben, verfügen aufgrund der kürzeren Kontaktdauer im Vergleich zu Kindern mit Deutsch als Erstsprache häufig über geringere sprachliche Fähigkeiten im Deutschen. Eine systematische Förderung ihrer Kompetenzen im Deutschen ist wichtig für die erfolgreiche Teilhabe im Unterricht und in der Gesellschaft. In diesem Beitrag widmen wir uns der Förderung des Wortschatzes. Dabei kommt der Lehrkraft und insbesondere der Art und Weise, wie sie ihre eigene Sprache einsetzt, eine wichtige Rolle zu. Wir zeigen Möglichkeiten auf, wie das gelingen kann; sowohl in zusätzlichen als auch in unterrichtsintegrierten Sprachfördermaßnahmen.

Wichtig ist dabei generell: Mehrsprachigkeit ist eine Ressource,1 und der Fokus auf der Förderung von Kompetenzen im Deutschen mindert nicht die Wertschätzung gegenüber anderen Erstsprachen. Dies lässt sich z.B. am Wortschatzerwerb zeigen: Schüler*innen mit Deutsch als Zweitsprache verfügen über ein altersentsprechendes Welt- und Konzeptwissen. Sie kennen bereits viele Wörter in ihrer Erstsprache – und “leihen” sich diese, wenn ihnen das passende Wort im Deutschen noch fehlt, aber auch, wenn sie das Wort im Deutschen schon kennen.2 Das ist ein typisches Phänomen bei mehrsprachigen Personen und kein Defizit.

Wortschatzförderung kann an bereits vorhandenes sprachliches und konzeptuelles Wissen anknüpfen. Sie zielt darauf ab, den Wortschatz im Deutschen, der für Unterricht, Schule und Alltag benötigt wird, zu erweitern und zu vertiefen. Das bedeutet, die lautliche Form von Wörtern und ihre Bedeutung zu erwerben, aber auch ihre Verwendung im Satz und im passenden Kontext und schließlich die Verknüpfung mit anderen Wörtern in Bezug auf Form und Bedeutung.

Was sagt die Forschung?

Sprache ist ein vielschichtiges System, für dessen Erwerb Kinder mehrere Jahre benötigen – unabhängig davon, ob Sie eine Sprache von Geburt an erwerben oder erst zu einem späteren Zeitpunkt mit einer weiteren Sprache in Kontakt kommen.3,4 Im Verlauf ihrer Schulzeit können Kinder auf vielfältige Weise bei der Erweiterung ihrer sprachlichen Fähigkeiten unterstützt werden.5 Zielgruppe von Sprachförderung sind meistens Kinder, die Deutsch als Zweitsprache und damit zeitversetzt zu ihrer Erstsprache erwerben. Aufgrund der geringeren Kontaktzeit zum Deutschen können von ihnen bei Schuleintritt noch nicht dieselben Deutschkompetenzen erwartet werden wie von Kindern, die Deutsch von Geburt an erwerben.

Welche Sprachfördermaßnahmen im DaZ-Kontext wirksam sind, lässt sich wegen der vielfältigen Einflussfaktoren bislang empirisch nur schwer nachweisen. Zudem erschweren die heterogenen Lernvoraussetzungen der Kinder eine grundsätzliche Empfehlung für spezifische Fördermaßnahmen. Kriterien für ihre Ausgestaltung lassen sich aber formulieren.6 Beispielsweise wird für neu zugewanderte Grundschulkinder aktuell ein integratives Modell vorgeschlagen. Darunter versteht man die direkte Teilnahme am Regelunterricht mit mehrmals in der Woche stattfindender zusätzlicher Sprachförderung statt einem parallelen Unterricht in einer separaten Sprachklasse.6 Sprachfördermaßnahmen sollten sich außerdem am Sprachentwicklungsstand des Kindes orientieren sowie systematisch und über einen längeren Zeitraum erfolgen.7

Dies bedeutet z.B. für neu zugewanderte Kinder, dass zunächst ein erster Wortschatz zu alltagsrelevanten Themen aufgebaut und einfache Satzstrukturen angebahnt werden. In einem nächsten Schritt stehen dann seltenere Wörter und komplexere Satzstrukturen im Mittelpunkt. Dafür gestaltet die Lehrkraft authentische und bedeutsame Kommunikationssituationen, in denen sie die Aufmerksamkeit der Lernenden auf die relevanten Wörter und Strukturen lenkt.8 Im Grundschulalter geschieht dies häufig durch ein gezielt angereichertes Sprachangebot, das etwas über die aktuellen sprachlichen Fähigkeiten hinausgeht. Je nach Alter, Lernstand und Thema kann es auch sinnvoll sein, sprachliche Aspekte explizit zu behandeln. 8,9

Heterogenität im Fokus

Schüler*innen unterscheiden sich in ihren Spracherwerbsbiografien z.B. hinsichtlich Alter bei Erwerbsbeginn und Kontaktdauer. Dies beeinflusst, welche sprachlichen Kompetenzen wir von einem Kind in einem bestimmten Alter erwarten können, welche Förderziele wir formulieren und welche Methoden und Materialien wir in der Sprachförderung einsetzen.

Digitales zum Thema

Es gibt zahlreiche Apps oder digitale Trainingsprogramme, mit denen Schüler*innen selbstständig Wörter hören, verwenden und spielerisch üben können. Die Schüler*innen können unabhängig von der Lehrkraft an ihrem Wortschatz arbeiten. Einige Beispiele sind:

  • ANTON-App: Lernplattform mit DaZ-Übungen
  • LearningApps: Erstellung interaktiver Übungen (z. B. Zuordnungen, Lückentexte); flexibel für Wortschatz- und Grammatiktraining einsetzbar
  • Biparcours: Erstellung digitaler Lern- und Entdeckungstouren mit QRCodes

Was bedeutet das für mich als Lehrkraft und was kann ich tun?

Wortschatzarbeit ist notwendiger Bestandteil jedes Unterrichts, denn die Vermittlung von Fach- und Bildungssprache ist ein Unterrichtsziel für alle Kinder. Gerade für Kinder mit geringen Deutschkenntnissen stellt allerdings nicht nur der Fachwortschatz eine große Hürde dar, sondern auch schul- und alltagssprachliche Begriffe fehlen häufig. Diese werden aber im Unterricht zumeist als selbstverständlich vorausgesetzt. Auch wenn Schüler*innen schon einzelne Wörter und einfache Sätze verstehen, können sie Schwierigkeiten haben, längeren Erklärungen zu folgen oder Fachbegriffe zu erschließen. Deshalb benötigen sie eine klare Struktur, visuelle Unterstützung und viele Gelegenheiten, neuen Wörtern aktiv zu begegnen. Zur Förderung des Wortschatzes haben sich folgende Säulen in der Praxis als erfolgsversprechend erwiesen:

1. Unbekannte Wörter bewusst auswählen und einführen

Am Beginn jeder Unterrichtssequenz steht die bewusste Auswahl relevanter Wörter. Viele Begriffe sind für Lehrkräfte selbstverständlich, für Kinder jedoch neu oder ungewohnt. Das gilt nicht nur für Fachbegriffe, sondern auch für scheinbar einfache Wörter wie aufteilen und verteilen im Mathematikunterricht oder schwimmen und sinken im Sachunterricht. Kinder lernen Wörter vor allem über konkrete Situationen, Bilder und Handlungen. Neue Wörter sollten deshalb, wo möglich, mithilfe von Bildern oder Gegenständen sichtbar gemacht, durch Gesten oder Handlungen verdeutlicht und gemeinsam ausgesprochen werden. Es bietet sich an, schwierige Wörter gemeinsam auch mal sehr langsam und bewusst auszusprechen. Zudem ist es notwendig, neue Wörter in grammatisch und inhaltlich sinnvolle Kontexte einzubetten (z. B. „Der Stein sinkt.”). Hilfreich ist es, das Vorwissen der Kinder einzubeziehen (z.B. „Woran siehst du eigentlich, dass Holz schwimmt?”) und die Erstsprache aufzugreifen. Solche Fragen regen zum Nachdenken über Sprache an und aktivieren vorhandene Erfahrungen. Wichtig ist dabei, falls möglich, das Prinzip „Weniger ist mehr“: Eine kleine Auswahl zentraler Wörter, die regelmäßig wiederholt und variationsreich verwendet wird, fördert nachhaltiges Lernen.

2. Lehrkräfte als sprachliche Vorbilder

Die Sprache der Lehrkraft dient als Modell für den Spracherwerb. Eine klare, deutliche und grammatikalisch korrekte Sprache hilft besonders Lernenden mit geringen sprachlichen Kompetenzen, Sprachstrukturen zu erkennen. Wichtige Strategien sind: langsam und deutlich sprechen, Schlüsselwörter betonen, zunächst kurze und klare Sätze verwenden und neue Wörter mehrfach wiederholen und darin einbetten.

Fehler gehören zum Lernprozess dazu - Lehrkräfte sind also stetig mit (grammatikalisch, inhaltlich) abweichenden Äußerungen der Lernenden konfrontiert. Im Sinne eines korrektiven Feedbacks bietet es sich an, potenzialorientiert zu reagieren, also die Lernenden selbst zum Überdenken der Äußerungen anzuregen. Hierzu zählen offene oder geschlossene Nachfragen („Was meinst du damit? Erkläre genauer.”, „Erkläre mit der Forschersprache.” oder „Schau nochmal auf unseren Wortspeicher.”) und implizite Korrekturen, indem die Lehrkraft Äußerungen korrekt wiederholt.

3. Authentische Sprechanlässe schaffen

Wortschatz wird nicht durch Zuhören allein gelernt. Kinder müssen dabei unterstützt werden, Sprache aktiv zu nutzen. Offene Fragen wie „Warum?“ oder „Was denkst Du?“ fördern längere Antworten und regen zum Sprechen an. Besonders förderlich sind kooperative Lernformen. Dabei kann es sich um eine kurze Kopfrechenübung im Mathematikunterricht handeln, die als Teamarbeit organisiert ist, oder auch um eine umfassendere Projektarbeit im Sachunterricht. Kooperative Formate schaffen authentische Kommunikationssituationen und unterstützen gleichzeitig die soziale Integration. Eine gute Einbindung in die Klassengemeinschaft wiederum bietet vielfältige Redeanlässe und beschleunigt den Wortschatzerwerb deutlich.10

4. Regel- und Förderunterricht verknüpfen

In der Praxis fehlen oft die personellen Ressourcen, sodass zusätzlicher DaZ-Unterricht nur unregelmäßig stattfindet. Daher sollten Schulen vom Regelunterricht aus denken und den DaZ-Unterricht als mögliche Zusatzförderung oder Vorbereitung auf den Regelunterricht sehen. So kann im DaZ-Unterricht ein ausgewählter Wortschatz eingeführt und geübt werden, der im Regelunterricht relevant ist. Arbeiten die Kinder im Deutschunterricht lernzieldifferent, können Apps beim selbstständigen Wortschatzerwerb sehr helfen. Die Kinder müssen vorher lernen, die App korrekt zu bedienen. Der DaZUnterricht kann genutzt werden, um die Kinder mit der App vertraut zu machen und Lernfortschritte mit den Kindern zu reflektieren. Im Regelunterricht können sich die Kinder mithilfe der App ihren Wortschatz dann selbstständig aufbauen.

Zusatzmaterial

Fazit

Der Erwerb von Deutsch als Zweitsprache ist ein mehrjähriger Prozess und kann unter anderem durch eine systematische, am Sprachstand orientierte Wortschatzförderung unterstützt werden. Sprachförderlicher Unterricht gelingt dann, wenn Regelunterricht und zusätzliche Sprachförderung eng verzahnt sind. Lehrkräfte können den Spracherwerb gezielt unterstützen durch Wortschatzarbeit und indem sie sprachförderliche Sprechanlässe schaffen sowie ihre sprachliche Vorbildfunktion nutzen.

Autor*innen

Dieser InfoTEXT ist eine Wissenssammlung, der die Expertisen aus Forschung und Praxis vereint, indem er in mehreren Schritten von Grundschullehrkräften und Bildungswissenschaftler*innen ko-konstruktiv ausgehandelt wurde.

In KONTEXT Grundschule entstehen weitere solcher InfoTEXTe, die zukünftig auf einer vom BMBFSFJ geförderten Clearinghouse-Webseite im Rahmen des bundesweiten lernen:digital-Verbundprojektes veröffentlicht werden. 

Bildnachweis – K. Bleher: Alex Lowles Photography; A. Petermann: privat; L. Weiermann: privat;  M. Weicker: Alex Lowles Photography; S. Vogel: privat

Literatur

  1. Brüggemann, J., Bertram, V., Finke, N., Schmitt-Rößer, A. & Vogel, S. (2026). Mehrsprachigkeit im Klassenzimmer. Chancen und Strategien für gelingenden Unterricht (InfoTEXT aus KONTEXT Grundschule, 5). DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. https://doi.org/10.25657/02:34986
  2. Riehl, C. M. (2013). Sprachkontaktforschung: Eine Einführung. Narr Francke Attempto. https://ebookcentral.proquest.com/lib/kxp/detail.action?docID=1613671
  3. Schulz, P. & Grimm, A. (2019). The Age Factor Revisited: Timing in Acquisition Interacts With Age of Onset in Bilingual Acquisition. Frontiers in Psychology, Volume 9 - 2018. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2018.02732
  4. Schulz, P. (2007). Erstspracherwerb Deutsch: Sprachliche Fähigkeiten von Eins bis Zehn. In U. Graf & E. Moser Opitz (Eds.), Diagnostik und Förderung im Elementarbereich und Grundschulunterricht. Entwicklungslinien der Grundschulpädagogik. Band 4, (pp. 67–86). Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren.
  5. Becker-Mrotzek, M. & Roth, H.-J. (Hrsg.). (2017). Sprachliche Bildung: Band 1. Sprachliche Bildung - Grundlagen und Handlungsfelder. Waxmann.
  6. Köller, O., Thiel, F., van Ackeren-Mindl, I., Anders, Y., Cress, U., Diehl, C., Kleickmann, T., Krelle, M., Lütje-Klose, B., Prediger, S., Seeber, S., Ziegler, B., Greiff, S., Maaz, K., Reintjes, C. & Stanat, P. (2025). Sprachliche Bildung für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche gestalten – Maßnahmen zur Förderung der Zielsprache Deutsch. Stellungnahme der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz. SWK : Bonn. https://doi.org/10.25656/01:32818
  7. Voet Cornelli, B., Geyer, S., Müller, A., Lemmer, R., Schulz, P. & Tracy, R. (2023). Vom Sprachprofi zum Sprachförderprofi: Linguistisch fundierte Sprachförderung in Kita und Grundschule: Online-Materialien (2. Auflage). Pädagogik. Beltz.
  8. Geyer, S. (2022). Ansätze zur Grammatikvermittlung und ihre Wirksamkeit im Bereich Deutsch als Zweitsprache: Eine Bestandsaufnahme. Bulletin Suisse de Linguistique Appliquée, Nr. 115, 9-29.
  9. Beck, L. & Paetsch, J. (2017). Förderung von sprachlichen Kompetenzen im Primarbereich. In C. Titz, S. Geyer, A. Ropeter, H. Wagner, S. Weber & M. Hasselhorn (Hrsg.), Konzepte zur Sprach- und Schriftsprachförderung entwickeln (S. 179–197). Kohlhammer Verlag.
  10. Deutsches Schulportal. (2023). Sprachförderung durch kooperatives Lernen. https://deutsches-schulportal.de/konzepte/sprachfoerderung-durch-kooperatives-
    lernen/

Literatur downloaden

Weiterführende Materialien und Links

Beispiele für Apps und digitale Traingsprogramme

  • ANTON-App: Lernplattform mit DaZ-Übungen
  • LearningApps: Erstellung interaktiver Übungen (z. B. Zuordnungen, Lückentexte); flexibel für Wortschatz- und Grammatiktraining einsetzbar
  • Biparcours: Erstellung digitaler Lern- und Entdeckungstouren mit QRCodes

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