Individualisierung von Classroom Management - Zwischen Struktur und Flexibilität

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Classroom Management bewegt sich im Spannungsfeld von Struktur und Flexibilität. Durch die Präsenz der Lehrkraft, durch gemeinsam erarbeite Regeln, Routinen, Rituale und geteilte Verantwortlichkeiten entsteht ein Rahmen für das gemeinschaftliche Verhalten der Lerngruppe. Dieser lässt auch Raum für individuelle Absprachen mit einzelnen Schüler*innen mit besonderen Lernvoraussetzungen.

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Zitationsvorschlag: 

Dückers, C., Ehrhorn, J., Gold, B., Schubert, C. & Vogel, S. (2026). Individualisierung von Classroom Management: Zwischen Struktur und Flexibilität (InfoTEXT aus KONTEXT Grundschule, 10). DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. 

Worum geht es?

Damit Unterricht unter lernförderlichen Bedingungen stattfindet und Schüler*innen ihr Potenzial entfalten können, braucht es einen verlässlichen und gut gestalteten Rahmen. Genau hier setzt Classroom Management an. Ziel ist es, eine Lernumgebung zu schaffen, die kognitive und sozio-emotionale Entwicklungen der Schüler*innen unterstützt.1

Classroom Management umfasst verschiedene präventive und reaktive Verhaltensweisen: Organisatorische Aspekte betreffen die Vorbereitung eines geeigneten Handlungsrahmens, etwa durch die Planung der ersten Schulwochen, die Einführung von Regeln, Routinen und Ritualen oder die Gestaltung des Klassenraums.2,3 Prozessbezogene Aspekte beziehen sich hauptsächlich auf den Unterricht selbst und sollen einen reibungslosen Unterrichtsverlauf sichern. Dazu zählen zum Beispiel die Präsenz der Lehrkraft, transparente und routinierte Abläufe, effektives Zeitmanagement, die Aktivierung der Lerngruppe sowie ein schnelles und möglichst unauffälliges Reagieren auf Störungen.4,5

Beziehungsbezogene Aspekte bilden schließlich die Grundlage gelingenden Classroom Managements. Sie umfassen die Berücksichtigung individueller Bedürfnisse sowie die Gestaltung der Beziehungen zwischen Lehrkraft und Schüler*innen sowie der Schüler*innen untereinander. Entscheidend sind hierbei klare, aber wertschätzende und empathische Formen der Kommunikation und Interaktion.6

Erfolgreiches Classroom Management bedeutet jedoch nicht, alle Schüler*innen gleich zu behandeln. Besonders effektiv ist es, wenn Lehrkräfte ihr Verhalten gezielt an die unterschiedlichen Bedürfnisse ihrer Schüler*innen anpassen.7,8

Was sagt die Forschung?

Lehrkräfte, die Unterricht effektiv strukturieren, klare Regeln etablieren und eine positive Lehrkraft-Schüler*innen-Beziehung aufbauen, schaffen bessere Lehr- und Lernbedingungen. Konkret zeigen Studien und Meta-Analysen, dass ...

... effektives Classroom Management einen mittleren positiven Effekt auf den Lernerfolg hat (d = 0.43).9

... effektives Classroom Management einen großen positiven Effekt auf die Reduzierung von Störverhalten im Unterricht hat (d = 0.80).10

... effektives Classroom Management dazu beitragen kann, Leistungsunterschiede zwischen Kindern mit geringeren kognitiven Voraussetzungen und ihren Mitschüler*innen zu reduzieren.11

... effektives Classroom Management und dessen Training das subjektive Wohlbefinden von Lehrkräften steigert.12

... Programme zur Verbesserung des Classroom Managements in der Grundschule einen kleinen positiven Effekt auf Motivation, Verhalten, sozial-emotionales Lernen und Lernerfolg der Schüler*innen haben (g = 0.23).13

...eine gute Beziehung zwischen Lehrkraft und Schüler*innen mit kleinem positiven Effekt mit den akademischen, verhaltensbezogenen, sozio-emotionalen, motivationalen und kognitiven Aspekten der Entwicklung der Schüler*innen zusammenhängt (r = 0.26).14

Marzano und Kolleg*innen haben die verschiedenen Aspekte von Classroom Management meta-analytisch hinsichtlich ihrer Effektstärke für das Lehren und Lernen untersucht. Dabei zeigt Allgegenwärtigkeit4 als Fähigkeit, den Überblick über alle Geschehnisse im Klassenraum zu behalten und mehrere Prozesse gleichzeitig zu steuern, den größten Effekt, s. Grafik.15 Da Schüler*innen häufig von unterschiedlichen Lehrkräften unterrichtet werden und sich im Schulalltag auch außerhalb des Klassenraums bewegen, empfehlen Marzano und Kolleg*innen, ein schulweites Konzept für Classroom Management einzuführen, das den Rahmen für individuelles Classroom Management vorgibt.15

Die Befunde verdeutlichen, dass Classroom Management sowohl auf Klassen- als auch auf Schulebene eine zentrale Voraussetzung für erfolgreiches Lernen und gelingende soziale Prozesse darstellt. 

Heterogenität im Fokus

Gerade Kinder mit besonderen Lernvoraussetzungen profitieren von einem gut strukturierten Unterricht und einem positiven Klassenklima. Dieser Kurs gibt Strategien an die Hand, um bspw. Schüler*innen mit ADHS durch Classroom Management zu unterstützen. Viele Elemente sind auch auf andere Schüler*innen übertragbar. https://adhsimklassenzimmer.at 

Digitales zum Thema

Digitale Medien können Lehrkräfte dabei unterstützen, Classroom Management effizient umzusetzen, etwa durch digitale Tafeln und Displays.

Tools zum Classroom Management:

In diesem Dokument finden sich verschiedene Anreize.

Online-Kurs zu Classroom Management:

Klassenführung professionell wahrnehmen. Gesamtmodul – unterrichtsvideos.net 

Was bedeutet das für mich als Lehrkraft und was kann ich tun?

Classroom Management schafft die Basis für guten Unterricht. Durch klare Regeln, Rituale und Routinen erzeugt es wiederkehrende Strukturen. Es entsteht eine Lernumgebung, die sowohl den Schüler*innen als auch den Lehrkräften Sicherheit vermittelt.

Diese Strukturen fußen auf einem Vertrauensverhältnis zwischen den Lernenden und ihrer Lehrkraft16 und sollten im Idealfall partizipativ, also gemeinschaftlich, erarbeitet werden:15 Es erfolgen gemeinsame Absprachen und es wird Transparenz beim Festlegen, Einüben, Durchsetzen und Reflektieren von Regeln, Routinen und Ritualen für die Lernenden geschaffen. Dabei hat sich ihre Visualisierung als hilfreich erwiesen.

Der Schlüssel für diese Prozesse ist eine gute Kommunikation zwischen Schüler*innen und Lehrkraft. Gerade bei heterogenen Lerngruppen liegt darin die Herausforderung. Lernende mit besonderem Unterstützungsbedarf benötigen gegebenenfalls eigene, auf sie abgestimmte Regeln und Routinen, um sich konstruktiv einzubringen und eingebunden zu werden.17

Was für das Classroom Management der ganzen Lerngruppe gilt, gilt hier umso mehr: Klare und verbindliche Absprachen über spezifische Arrangements in der Lernzeit werden mit den betreffenden einzelnen Kindern getroffen16 und stetig gemeinsam mit der Lehrkraft reflektiert. Neben der Vereinbarung individueller Regeln und Routinen mit den betreffenden einzelnen Schüler*innen ist die Kommunikation über eben solche individuellen Absprachen mit der gesamten Lerngruppe angeraten.16 So wird auch über diese spezifischen Voraussetzungen und Maßnahmen Transparenz geschaffen und damit einerseits das Vertrauensverhältnis zwischen Lernenden und Lehrkraft gestärkt. Andererseits werden durch diese kontinuierliche, wechselseitige Kommunikation zwischen Lehrkraft und einzel nen Lernenden und wiederum zwischen Lehrkraft und Lerngruppe Bindungsglieder zwischen spezifischen Lernarrangements und den Strukturen der gesamten Gruppe geschaffen (siehe Grafik unten). Das könnte etwa so stattfinden:

In einer dritten Klasse gibt es mehrere Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten. Einem Kind etwa fällt es in Plenumsphasen teilweise noch schwer, sich zu melden und abzuwarten, bis es mit seinem Wortbeitrag an der Reihe ist. Es lenkt sich zudem durch geräuschvolles Spielen mit seinen Materialien am Tisch ab. Dies führt teilweise zu Spannungen in der Klasse.

Die Lehrkraft sucht daraufhin das Gespräch mit dem Kind, um gemeinsam mit ihm herauszufinden, was es braucht, damit es sich konstruktiver beteiligen kann. Zugleich versucht sie aufzuzeigen, weshalb die Mitschüler*innen teilweise negativ auf sein Verhalten in solchen Situationen reagieren. Das Kind und die Lehrkraft finden heraus, dass ihm in Plenumsphasen die räumliche Nähe zu ihr hilft, sich zu konzentrieren. Sie beschließen, dass es in diesen Phasen jederzeit einen Sitzplatz vorne bei der Lehrkraft wählen darf.

Andere Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten finden im Gespräch mit der Lehrkraft weitere individuelle Lösungen. Etwa helfen manchen von ihnen Lärmschutzkopfhörer oder Arbeitsplätze auf dem Gang vor dem Klassenraum, die sie nach der Absprache mit der Lehrkraft selbständig und routiniert nutzen.

Die Lehrkraft etabliert hierzu ein Rückmeldungssystem, über das die Kinder mit ihr gemeinsam kontinuierlich Erfolge und Herausforderungen der Maßnahmen visualisieren und reflektieren.

Zudem führt die Lehrkraft im Rahmen der Klassenleitungsstunde regelmäßig Gespräche mit der gesamten Lerngruppe über diese individuellen Arrangements in der Klasse und schafft Verständnis für individuelle Bedürfnisse und Perspektiven. Diese Gespräche sind ein fester Bestandteil des Schulalltags. Dadurch fühlen sich die individuellen Absprachen und Routinen einzelner Kinder der Klasse für diese gar nicht mehr wie Ausnahmen an, sondern vielmehr wie die Regel.

Auf diese Weise wird die Voraussetzung für ein soziales Miteinander, für Rücksichtnahme und gegenseitiges Verständnis im Klassenraum geschaffen.17 Hierfür benötigen Lehrkräfte eine offene, positive Einstellung zur inklusiven Beschulung17 sowie die Bereitschaft, sich aktiv mit den individuellen Lernvoraussetzungen in ihrem Klassenraum auseinanderzusetzen und auch ihr eigenes Handeln entsprechend anzupassen.

Fazit

Classroom Management erweist sich als wirksam zur Gestaltung lernförderlicher Unterrichtsbedingungen. Die Wirksamkeit entfaltet sich insbesondere im Zusammenspiel von klaren, verlässlichen Strukturen, präsenter Unterrichtsführung und positiven Beziehungen. Individuelle Absprachen stellen dabei keinen Widerspruch zu gemeinsamen Routinen, Regeln und Ritualen dar. Vielmehr werden sie durch transparente Kommunikation und gemeinsame Reflexion in den Rahmen der Lerngruppe integriert. 

Autor*innen

Dieser InfoTEXT ist eine Wissenssammlung, der die Expertisen aus Forschung und Praxis vereint, indem er in mehreren Schritten von Grundschullehrkräft en und Bildungswissenschaft ler*innen kokonstruktiv ausgehandelt wurde.

In KONTEXT Grundschule entstehen weitere solcher InfoTEXTe, die auf einer vom BMBFSFJ geförderten Clearinghouse-Webseite im Rahmen des bundesweiten lernen:digital-Verbundprojektes veröffentlicht werden.

Bildnachweis C. Dückers: Susanne Kurz; J. Ehrhorn: privat; B. Gold: Felix Schmale/TU Dortmund; C. Schubert: Christine Ladehoff; S. Vogel: privat

Literatur

[1] Evertson C. M., & Weinstein, C. (2006). Classroom management as a field of inquiry. In C. M. Evertson & C. Weinstein (Hrsg.), Handbook of Classroom Management: Research, practice, and contemporary issues (S. 3-15). Lawrence Erlbaum Associates, Inc.

[2] Evertson, C. M., Emmer, E. T., Sanford, J. P., & Clements, B. S. (1983). Improving classroom management: An experiment in elementary school classrooms. The Elementary School Journal, 84(2), 173-188. https://doi.org/10.1086/461354

[3] Evertson, C. M., & Emmer, E. T. (2013). Classroom management for elementary teachers. Pearson.

[4] Kounin, J. S. (2006). Techniken der Klassenführung. Waxmann.

[5] Thiel, F., Richter, S. G., & Ophardt, D. (2012). Steuerung von Übergängen im Unterricht. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 15(4), 727-752. https://doi.org/10.1007/s11618-012-0325-5

[6] Wubbels, T., den Brok, P., Claessens, L., Mainhard, T., & van Tartwijk, J. (2025). An Interpersonal Perspective on Classroom Management: Building Teacher Relational Capacity. Taylor & Francis. https://doi.org/10.4324/9781003563464

[7] Brophy, J. E., & McCaslin, N. (1992). Teachers' reports of how they perceive and cope with problem students. Elementary School Journal, 93, 3–68. https://doi.org/10.1086/461712

[8] Anderson, J., & Taner, G. (2023). Building the expert teacher prototype: A metasummary of teacher expertise studies in primary and secondary education. Educational Research Review, 38, 100485.

[9] Hattie, J. (2023). Visible Learning: The Sequel. Routledge. https://doi.org/10.4324/9781003380542

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[11] Decristan, J., Kunter, M., Fauth, B., Büttner, G., Hardy, I., & Hertel, S. (2016). What role does instructional quality play for elementary school children’s science competence? A focus on students at risk. Journal for Educational Research Online, 8(1), 66-89. https://doi.org/10.25656/01:12032

[12] Dicke, T., Elling, J., Schmeck, A., & Leutner, D. (2015). Reducing reality shock: The effects of classroom management skills training on beginning teachers. Teaching and Teacher Education, 48, 1-12. https://doi.org/10.1016/j.tate.2015.01.013

[13] Korpershoek, H., de Boer, H., & Mouw, J. M. (2025). An update of the meta-analysis of the effects of classroom management interventions on students’ academic, behavioral, social-emotional, and motivational outcomes. Review of Educational Research. https://doi.org/10.3102/00346543251361903

[14] Emslander, V., Holzberger, D., Ofstad, S. B., Fischbach, A., & Scherer, R. (2025). Teacher–student relationships and student outcomes: A systematic second-order meta-analytic review. Psychological Bulletin, 151(3), 365–397. https://doi.org/10.1037/bul0000461

[15] Marzano, R. J., Marzano, J. S., & Pickering, D. J. (2003). Classroom Management That Works: Research-Based Strategies for Every Teacher. ASCD.

[16] Frey, A. (2021). Klassenführung in der Inklusion. In A. Rank, A. Frey, & M. Munser-Kiefer (Hrsg.), Professionalisierung für ein inklusives Schulsystem (S. 43-70). Utb. https://doi.org/10.36198/9783838555652

[17] Lutz, S., Frey, A., Rank, A., & Gebhardt, M. (2024). InClass – an instrument to assess classroom management in inclusive and special education with a focus on heterogeneous learning groups. Frontiers in Education, 9, 1316059. https://doi.org/10.3389/feduc.2024.1316059

Weiterführende Materialien und Links

Digitale Tools zum Classroom Management