Achtung Schubladendenken: Welche Rolle spielen Stereotype im Unterricht?
Zitationsvorschlag: Harms, S., Dr. Kleen, H., Krumbeck, H., Palmy, C. & Vogel, S. (2026). Achtung Schubladendenken: Wie wirken Stereotype in der Schule?. (InfoTEXT aus KONTEXT Grundschule, 6). DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. https://doi.org/10.25657/02:34227
Worum geht es?
Ich brauch mal eben drei starke Jungs!
Solche oder ähnliche stereotype Sätze verwenden wir als Lehrkräfte regelmäßig, obwohl wir genau wissen, dass wir eigentlich gerade drei starke Kinder brauchen. „Wir haben genug AGs für Jungen.“ Und zu unserem Entsetzen müssen wir uns eingestehen, dass wir dabei tatsächlich an die Werk- und Lego-AG gedacht haben. Aber woher kommen diese Stereotype? Warum benutzen wir sie? Und müssen wir sie loswerden?
Unser Gehirn nutzt Stereotype, um Menschen und Gruppen zu kategorisieren, schnell handeln zu können und uns den Alltag zu erleichtern. Kurz um, wir sparen Kapazität. Und wie überall in der Gesellschaft sind Stereotype auch im Schulalltag weit verbreitet. Es geht schnell, wenn beim Umsetzen nach Geschlechtern getrennt wird, obwohl wir nur Unruhe eindämmen wollen. Oder wenn wir am Ende der Stunde bei einer grammatikalischen Frage das deutschsprachige Kind drannehmen, weil wir hier von einer wahrscheinlich richtigen Antwort ausgehen.
Damit werden unbewusst Rollenklischees und diskriminierende Stereotype vermittelt: Jungen gelten als laut, Mädchen als ruhig, Max ist besser in der Schule als Murat.2 Während dies im Durchschnitt stimmen mag, muss es auf das einzelne Kind nicht zutreffen (siehe QR-Code). Außerdem können solche Stereotype negative Auswirkungen für alle haben und zu Diskriminierung führen.

Wie genau wirken diese stereotypen Bilder auf unser Handeln, unseren Unterricht und auf die Schüler*innen? Dieser Beitrag soll Lehrkräften eine Hilfe sein, hierauf eine Antwort zu finden und zu verstehen, wie Stereotype sich auswirken und schnell zu Diskriminierung führen können.
Was sagt die Forschung?
Ein „Stereotyp” bezeichnet eine kollektive Annahme über soziale Gruppen (z. B. Jungen und Mädchen oder Arme und Reiche), die pauschalisierend auf einzelne Gruppenmitglieder angewendet werden kann.3 Man unterscheidet zwei Formen: Explizite Stereotype sind uns bewusst und wir können sie kontrollieren; implizite Stereotype sind unbewusst, daher schwieriger zu beeinflussen und können unbeabsichtigt aktiviert werden.4 Beide hängen nicht unbedingt zusammen – auch Menschen, die explizit Stereotype ablehnen, können implizit von ihnen geprägt sein.4
So vertreten auch Lehrkräfte im Schnitt eher keine expliziten Stereotype, haben aber positivere implizite Stereotype gegenüber Kindern, die einer (vermeintlichen) Norm entsprechen (z. B. ohne Migrationshintergrund) als gegenüber Kindern, die von dieser Norm abweichen (z.B. mit Migrationshintergrund).5 Gleichzeitig erwarten Lehrkräfte von Letzteren oft eine weniger positive Entwicklung6,7,8, verhalten sich ihnen gegenüber im Unterricht (unbewusst) weniger lernförderlich7,8,9 und empfehlen sie seltener für Gymnasien oder Begabtenförderung.7,10 Die negativ “stereotypisierten” Kinder entwickeln häufig ein niedrigeres Selbstkonzept und zeigen dann auch tatsächlich schlechtere Leistungen als die anderen Kinder (Pygmalioneffekt).11,12 Dazu kommt auch noch der Stereotypenbedrohungseffekt: Wenn Kinder wissen, dass es über sie und ihre Fähigkeiten ein negatives Stereotyp gibt und sie in einer Prüfungssituation an dieses Stereotyp erinnert werden, kann dadurch Stress entstehen. Dieser kann wiederum die Leistung beeinträchtigen und damit zur Bestätigung des Stereotyps führen (der Effekt ist besonders stark für junge Mädchen im Fach Mathematik).13,14,15
Um Stereotypen entgegenzuwirken, ist es wichtig, typische Gruppeneinteilungen zu vermeiden, andere Aspekte der Identität zu betonen (z. B. “Kinder, die gerne malen” versus “Kinder, die gerne lesen”) und Beispiele und Vorbilder zu zeigen, die Stereotypen widersprechen.16,17 Da es sehr schwierig ist, implizite Stereotype wirklich zu verändern, kann es auch helfen, den Kontext anzupassen: Wenn bei der Bewertung einer Klassenarbeit keine Namen sichtbar sind, können Stereotype weniger zum Tragen kommen.16
Der Begriff “Migrationshintergrund” ist umstritten, da er verschiedene Biografien vermischt und gleichzeitig Stereotype verstärkt. So werden z. B. Menschen, deren Großeltern nach Deutschland eingewandert sind, häufig auch zu dieser Gruppe gezählt, obwohl sie selbst mit Migration gar nichts zu tun haben. Da die Kategorie in der Forschung allerdings häufig genutzt wurde und auch weiterhin wird, verwenden wir ihn hier ebenfalls.
Heterogenität im Fokus
Bestimmte Gruppen von Schüler*innen sind besonders häufig von negativen Stereotypen betroffen—Mädchen in Mathematik, Kinder mit Lernschwierigkeiten, Schüler*innen mit Migrationshintergrund oder aus Familien mit niedrigem sozio-ökonomischen Status. Gerade diese erleben daher oft , dass Lehrkräfte sie weniger fördern und dass sie weniger Lernchancen bekommen.
Digitales zum Thema
Impliziter Assoziationstest

Übung zur Sensibilisierung für eigene Stereotype

Stereotype in der Schule – Podcast-Folge „Sitzenbleiben“

Was bedeutet das für mich als Lehrkraft und was kann ich tun?
Stereotype begegnen uns überall im Schulalltag. Oft unbewusst, manchmal als scheinbar harmlose Gewohnheit. Diese sollte aber keinesfalls ignoriert werden, denn die Forschung zeigt, dass wir als Lehrkräfte einen besonderen Einfluss nicht nur auf den Lernerfolg, sondern auch auf die Entwicklung unserer Schüler*innen haben. Entsprechend sollten wir unser Denken und Handeln reflektieren.
In einem ersten Schritt geht es zunächst darum, dass uns stereotype Äußerungen und Handlungen auffallen. Durch das Lesen dieses Artikels, wird Ihnen in den kommenden Wochen wahrscheinlich schon Vieles auffallen. Verstärken können Sie diesen Effekt, indem Sie sich mit Kolleg*innen austauschen und gemeinsam nach stereotypen Fallen suchen. Anschließend können Sie aktiv dagegen vorgehen.
Denn Sprache ist mächtig. Wer „drei starke Jungs“ oder „die braven Mädchen“ ruft, verstärkt Rollenklischees. Eine bewusste Reflexion über Sprache hilft dabei, stereotype Botschaften zu erkennen und zu vermeiden. Dabei können diese Fragen einen Perspektivwechsel ermöglichen:
- Wen spreche ich wie an?
- Wer bekommt wofür Lob?
- Wer kommt im Sitzkreis zu Wort – und wer nicht?
- Ist eine Unterscheidung in Junge/Mädchen überhaupt nötig?
Erste einfache Maßnahmen: Benutzen wir häufiger das Wort Kinder, statt Jungen und Mädchen. Unterstützen wir keine gängigen Rollenvorstellungen, indem wir verwundert reagieren auf Mädchen mit Forschergeist, Jungen mit langen Haaren.
Genauso prägend wie unsere Sprache ist aber auch stereotypes Handeln der Lehrkräfte.
Überprüfen wir unsere Routinen kritisch. Setzen wir Mädchen als Ruhepuffer ein (Sitzordnung immer Junge-Mädchen)? Wählen wir bestimmte Schüler*innengruppen (z. B. Kinder mit Migrationshintergrund) häufiger für Förderkurse aus? Ermutigen wir Mädchen im Mathematikunterricht genauso häufig die schwierigen Aufgaben zu nehmen? Und lassen wir Jungen im Deutschunterricht genauso häufig Geschichten vorlesen?
Empfehlenswert ist bewusstes Gegensteuern:
- Schaffen wir Möglichkeiten für alle Kinder zu Wort zu kommen, auch diese für die wir geringere Erwartungen haben.
- Benutzen wir Checklisten/Kompetenzraster für eine möglichst objektive Bewertung, zum Beispiel beim Bewerten von Mappen, Präsentationen oder Arbeitsergebnissen.
- Offene Gespräche über Stereotype helfen, deren Wirkung zu entkräften. Unterrichtsgespräche oder Spiele können dazu dienen, Vorannahmen gezielt zu irritieren und zu hinterfragen.
Ein bewährtes Spiel: Die Lehrkraft beschreibt reale Persönlichkeiten, die gängigen Vorstellungen widersprechen. Zum Beispiel: „Ich habe die Weltmeisterschaft im Boxen gewonnen und bin sehr stark.“ – gemeint ist die Boxweltmeisterin Zeina Nassar. “Ich habe einen Schönheitswettbewerb gewonnen.” – gemeint ist Marc Arthur Ndjopgang Tsanang, Mr. Germany). Die Kinder ordnen diesen Aussagen Bildern von Personen zu. Nachdem die Lehrkraft das Rätsel auflöst, reflektieren alle gemeinsam Vermutung und Realität. Auch der Blick in aktuelle Kinderbücher, in denen traditionelle Rollen aufgebrochen werden, eröffnet Gesprächsanlässe über Vielfalt. Wichtig ist, dass Sie Material und Inhalte genau sichten. Halten Sie an entsprechenden Stellen inne, um stereotype Inhalte gemeinsam zu hinterfragen.
Praktische Tipps für den Unterricht
Ziel sollte es sein, Vielfalt im Klassenzimmer als Chance zu begreifen, stereotype Rollenzuschreibungen abzubauen und jedem Kind individuelle Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen.
Fazit
Im Schulalltag begegnen uns Stereotype an allen Ecken und Enden. Egal, ob sie uns das Leben erleichtern, ob wir sie als vermeintlich „wahr” empfinden oder ob wir sie ablehnen: Sie beeinflussen unser Denken und Handeln und haben dabei aber vor allem negative Effekte für die (betroffenen) Schüler*innen. Den Vorsatz „keine Stereotype zu haben” kann wohl fast niemand erfüllen - auch Lehrkräfte nicht. Durch Reflexion und das Überdenken unserer Routinen, Austausch mit Kolleg*innen und gezielte Gegenmaßnahmen können wir aber ihre Wirkung verringern.
Autor*innen
Dieser InfoTEXT ist eine Wissenssammlung, der die Expertisen aus Forschung und Praxis vereint, indem er in mehreren Schritten von Grundschullehrkräft en und Bildungswissenschaft ler*innen kokonstruktiv ausgehandelt wurde.
In KONTEXT Grundschule entstehen weitere solcher InfoTEXTe, die auf einer vom BMBFSFJ geförderten Clearinghouse-Webseite im Rahmen des bundesweiten lernen:digital-Verbundprojektes veröffentlicht werden.

Literatur
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