Zusammenarbeit sichtbar machen: Wie gelingen Kooperation und Kommunikation zwischen Familie und Schule?
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Zitationsvorschlag: Mitchell, J., Geißler, C., Grohnert, S., Kuger, S. & Vogel, S. (2026). Zusammenarbeit sichtbar machen. Wie gelingen Kooperation und Kommunikation zwischen Familien und Schule? (InfoTEXT aus KONTEXT Grundschule, 8). DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. https://doi.org/10.25657/02:35731
Worum geht es?
Die Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und Erziehungsberechtigten kann im schulischen Alltag unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen stattfinden. Während ein Großteil schulische Angebote zur Kommunikation und Beteiligung problemlos nutzen kann, gibt es einen Anteil von Familien mit Bildungsrisiken, für die der Zugang dazu erschwert ist. Diese Einschränkungen lassen sich weder auf sprachliche noch auf (inter-)kulturelle Hintergründe reduzieren. Bildungsrisiken werden u.a. dort verstärkt, wo schulische Erwartungen, institutionelle Routinen und familiale Voraussetzungen dauerhaft nicht zueinander passen.1
Wenn Zugänge, Formate und Erwartungen nicht klar und bewusst gestaltet werden, können sowohl die Bildungsprozesse der Kinder als auch die Elternarbeit von verstärkter Ungleichheit geprägt sein.2
Dieser InfoTEXT illustriert professionelle Handlungsoptionen und Orientierungen für Lehrkräfte. Prinzipien gelingender Zusammenarbeit sind dabei Sichtbarkeit und Transparenz.
Was sagt die Forschung?
Lehrkräfte an Erfahrungen an, die die allermeisten Erziehungsberechtigten schon in frühpädagogischen Kontexten, wie z.B. KiTas, gemacht haben. Dort wurden Erwartungen der Eltern, ihr Vertrauen und ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit geprägt. Forschung zur Erziehungspartnerschaft macht deutlich, dass Zusammenarbeit zwischen Schule und Familien strukturell durch Machtasymmetrien geprägt ist und Vertrauen nicht vorausgesetzt werden kann, sondern aktiv hergestellt werden muss.1 Vor diesem Hintergrund rücken Familien mit Bildungsrisiken in den Fokus, da sich bestehende Passungsprobleme hier besonders deutlich zeigen. Dabei verstehen wir Bildungsrisiken als Kombination von strukturellen, institutionellen und individuellen Faktoren. Typische Merkmalskonstellationen sind:
- ungünstige, prekäre sozioökonomische Lebenslagen,
- eingeschränkte zeitliche und emotionale Ressourcen infolge von Mehrfachbelastungen, hoher Alltags- und Elternstress, Erfahrungen von Nicht-Zugehörigkeit, fehlendes oder erschüttertes Vertrauen in das Schulsystem, oder gar Beschämung oder Abwertung im Bildungssystem,
- sprachliche Barrieren, Unkenntnis und Unsicherheiten in der Kommunikation mit der Schule,
- Passungsprobleme zwischen schulischen Erwartungen und individuellen familiären Voraussetzungen
- sowie unterbrochene oder abgebrochene Kommunikationskanäle zwischen Erziehungsberechtigten und Schule.1,2
Auch wenn die Arbeit mit Erziehungsberechtigten damit ein herausforderndes Handlungsfeld darstellt, ist sie zugleich von maßgeblicher Bedeutung für den Bildungserfolg von Schüler*innen.3 Von den 138 untersuchten Einflussfaktoren nach Hattie werden für den vorliegenden InfoTEXT insbesondere das häusliche Anregungsniveau wie z.B. der Besuch der Bibliothek, sowie die konkrete elterliche Unterstützung beim Lernen hervorgehoben und in der Abbildung dargestellt. Das Effektbarometer zeigt, wie stark diese beiden Faktoren den Lernerfolg beeinflussen. Forschung verhandelt Elternarbeit daher sowohl in Modellen pädagogischer Qualität (Struktur-, Prozess-, Orientierungsqualität4) als auch in der Professionsforschung (kommunikative und Beziehungskompetenzen pädagogischen Handelns5,6). Zudem ist Elternarbeit Teil der Stan- (Ende fehlt)
Heterogenität im Fokus
Heterogenität in der Elternarbeit ist weder als Defizit zu verstehen noch auf ein aktives Mitwirken zu reduzieren. Partizipation äußert sich vielmehr in passgenauen, primär kommunikativen Austauschformen.2
Digitales zum Thema
Der Markt für einschlägige Apps ist vielfältig und eine passgenaue Lösung sollte individuell gesucht werden. Hilfreiche und wichtige Kennzeichen sind:
- DSGVO-Konformität
- Dokumentenarchiv (Elternbriefe etc.)
- Abwesenheitsmeldungen
- 1:1 Kommunikation
- Übersetzungsfunktion
- Terminfunktion
- Betriebssystemübergreifend
- Niedrige Einstiegshürde
- Ggf. Videokonferenzen
Ein erster Anlaufpunkt sind die jeweiligen ländereigenen Bildungsserver.
Was bedeutet das für mich als Lehrkraft und was kann ich tun?
Die folgenden Best-Practice-Beispiele orientieren sich an den sechs Dimensionen der Zusammenarbeit zwischen Schule und Familien nach Joyce Epstein.8 Das Modell macht unterschiedliche Ebenen von Zugangs- und Beteiligungsmöglichkeiten sichtbar. Die konkreten Handlungsoptionen adressieren die Reduktion von Passungsproblemen zwischen schulischen Erwartungen und unterschiedlichen familialen Voraussetzungen.
1. Kommunikation als Grundlage der Zusammenarbeit
Zwischen Schulen und Familien findet regelmäßige Kommunikation statt. Zur Arbeitserleichterung sollten Kommunikationskanäle und -formate auf beiden Seiten frühestmöglich geklärt und auf das notwendige Minimum reduziert werden. Vielleicht sind Elternbriefe, das Mitteilungsheft und ein Social-Media Kanal ausreichend für die regelmäßige Kommunikation.
Einmal pro Schuljahr führen die Lehrkräfte mit Erziehungsberechtigten und Kindern ein Lernentwicklungsgespräch. Das Kind benennt anhand von Visualisierungen (z. B. Sonne, Wolke, Zielfahne) eigene Stärken und Potenziale. Gerade für Familien mit begrenzten zeitlichen Ressourcen oder fehlender Vertrautheit mit schulischen Erwartungen kann dieses Format dazu beitragen, Hemmschwellen abzubauen, Rollen zu klären und Vertrauen schrittweise aufzubauen.
Auch die wöchentliche Dokumentation von Arbeitsergebnissen (z. B. in Form eines Wochenplans) hat sich als wirkungsvoll erwiesen. Nach Rückmeldung durch die Lehrkraft werden alle Aufgaben von den Erziehungsberechtigten zur Kenntnis genommen. Dadurch erhalten Familien einen Überblick über Lerninhalte und die Leistungen des Kindes, ohne aktiv werden zu müssen. Dieser Zugang unterstützt bspw. Familien, die aufgrund eigener negativer Bildungserfahrungen Verunsicherungen bei der schulischen Unterstützung ihrer Kinder verspüren.
Wichtige schulische Termine werden zu Schuljahresbeginn in einem kontinuierlich aktualisierten Terminplan mitgeteilt. Berichte über schulische Ereignisse werden Familien regelmäßig über Newsletter und schulische Social-Media-Kanäle zugänglich gemacht. Frühzeitige und gebündelte Informationen erleichtern Familien mit hoher Alltagsbelastung oder unregelmäßigen Arbeitszeiten die Planung und können helfen, unterbrochene Kommunikationswege wieder aufzubauen.
2. Unterstützung im Erziehungskontext
Ein unterstützendes häusliches Umfeld stärkt schulisches Lernen. Um Familien hierbei zu unterstützen, finden themenspezifische Elternabende statt, die einen Raum des offenen Austauschs schaffen. Für spezifische Impulse (z. B. zur Alltagsstruktur, Ernährung oder Mediennutzung) wird bei Bedarf auch die Schulsozialarbeit einbezogen. Solche Beiträge greifen Lebensrealitäten von Familien auf, ohne normative Erwartungen zu formulieren. Diese Formate eröffnen Gesprächsanlässe, die Vertrauen in die Zusammenarbeit und den Kontakt zur Schule stärken.
3. Beteiligung und Unterstützung kindlicher Lernprozesse
Im Rahmen von Elternabenden werden Unterstützungsmaßnahmen für ein lernförderliches Klima zu Hause (z. B. zum Einmaleins-Lernen, zur Leseförderung oder zur Mediennutzung) transparent dargestellt. Erziehungsberechtigte erkennen, wann Unterstützung sinnvoll ist und wo eigenständiges Arbeiten des Kindes im Vordergrund steht. Gerade für Familien mit Unsicherheiten im Umgang mit schulischen Anforderungen oder fehlender Vertrautheit mit Lernstrategien können solche Angebote Orientierung geben und unrealistische Erwartungshaltungen auf beiden Seiten reduzieren.
4. Beteiligung und Unterstützung schulischer Aktivitäten
Erziehungsberechtigte können auf unterschiedliche Weise aktiv in den Schulalltag eingebunden werden (z. B. bei Schulfesten, Projektwochen, Sport- und Spieletagen oder Einschulungsfeiern). Wenn Eltern organisatorische Aufgaben übernehmen, Ideen einbringen oder bei der Umsetzung unterstützen, signalisieren sie damit ihr Interesse und ihre Unterstützungsbereitschaft. Zudem entstehen Gelegenheiten, die Familien positive Erfahrungen mit der Schule ermöglichen. Solche Formate verschieben die Rolle der Erziehungsberechtigten von reinen Informationsempfänger*innen hin zu Mitgestaltenden und können das Gefühl von Zugehörigkeit zur Schulgemeinschaft stärken.
Andere Möglichkeiten der aktiven Einbindung sind bspw. die Organisationnvon Verpflegungsstationen, Unterstützung bei Auf- und Abbauarbeiten oder die Mithilfe beim Verkauf. Lotsendienste bieten klare Aufgabenfelder und tragen zur Verkehrssicherheit der Schüler*innen bei. Ehrenamtliche Lernpat*innen begleiten einzelne Kinder regelmäßig in ihrer individuellen Lernentwicklung.
5. Aktive Mitgestaltung des Schullebens
In der Schule gibt es mehrere Gremien, in denen sich Erziehungsberechtigte einbringen können und sollen wie z.B. der Elternbeirat. Diese gewährleisten den gegenseitigen Austausch zwischen Schulleitung und Erziehungsberechtigten. Die Schulkonferenz stellt ein wichtiges Entscheidungsgremium z.B. für die Schulentwicklung dar. Gerade für Familien mit Erfahrungen von Beschämung, Abwertung oder erschüttertem Vertrauen in das Bildungssystem können transparente Beteiligungsstrukturen dazu beitragen, Schule als gestaltbaren und dialogischen Raum zu erleben.
6. Außerschulische Zusammenarbeiten
Die Schule informiert regelmäßig über kulturelle oder sportliche Angebote von Einrichtungen und Vereinen aus der Umgebung sowie über Hilfsangebote für Familien in prekären Lagen (z.B. Quartiersmanager, Beratungsstellen). Solche Hinweise geben Familien Orientierung im lokalen Bildungsangebot und erleichtern insbesondere Erziehungsberechtigten mit geringer Vernetzung den Zugang zu weiteren Angeboten. Auch wenn nicht jede Familie gleichermaßen erreicht wird, kann es hilfreich sein, sich individuelle Lebenslagen bewusst zu machen. Professionelles Handeln bedeutet, Zugänge offen zu halten und Kontaktangebote weiterhin zu ermöglichen.
Fazit
Professionelle Elternarbeit ist ein (nicht zu kleiner) Auftrag für Lehrkräfte, der für alle Familien wichtig ist, besonders aber für solche mit Bildungsrisiken. Zugleich ist dort die (innere) Distanz zur Schule häufig besonders groß, so dass zusätzlich in die Beziehung investiert werden muss. Zentral für die kollaborative Erziehungsarbeit ist der beidseitige Aufbau von Vertrauen und Respekt.
Autor*innen
Dieser InfoTEXT ist eine Wissenssammlung, der die Expertisen aus Forschung und Praxis vereint, indem er in mehreren Schritten von Grundschullehrkräften und Bildungswissenschaftler*innen ko-konstruktiv ausgehandelt wurde.
In KONTEXT Grundschule entstehen weitere solcher InfoTEXTe, die zukünftig auf einer vom BMBFSFJ geförderten Clearinghouse-Webseite im Rahmen des bundesweiten lernen:digital-Verbundprojektes veröffentlicht werden.

Bildnachweis – C. Geißler: Fotograf Matthias Matuschek, Trebur; Stefanie Grohnert: privat; J. Mitchell: Uni Landau; S. Kuger: Fabian Vogl; S. Vogel: privat
Literatur
- Betz, T., Bischoff, S., Eunicke, N., Kayser, L. B., & Zink, K. (2017). Partner auf Augenhöhe? Forschungsbefunde zur Zusammenarbeit von Familien, Kitas und Schulen mit Blick auf Bildungschancen. Verlag Bertelsmann Stiftung.
- Villiger, C., & Hostettler, B. (2020). Formen der Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern (Bericht). Schweizerisches Zentrum für Begabungsforschung und Weiterbildung.
- Hattie, J. (2009). Visible learning: A synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement. Routledge.
- Anders, Y., & Oppermann, E. (2024). Frühpädagogische Qualität in Kindertageseinrichtungen: Eine Erweiterung des Struktur-Prozess-Modells. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 27(2), 551–577. https://doi.org/10.1007/s11618-024-01218-7
- Baumert, J., & Kunter, M. (2006). Stichwort: Professionelle Kompetenz von Lehrkräften. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 9(4), 469–520.
- Gartmeier, M. (2018). Gespräche zwischen Lehrpersonen und Eltern: Herausforderungen und Strategien der Förderung kommunikativer Kompetenz. Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-19055-2
- Kultusministerkonferenz. (2022). Standards für die Lehrerbildung: Bildungswissenschaften. https://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2004/2004_12_16-Standards-Lehrerbildung.pdf
- Epstein, J. L. (1995). School/family/community partnerships: Caring for the children we share. Phi Delta Kappan, 76, 701-712.
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