Lernen mit und durch Bewegung: Warum körperliche Aktivität den Unterricht bereichert

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Bewegung kann Lernen wirksam unterstützen, wenn sie gezielt in den Unterricht eingebunden wird. Bewegtes Lernen eröffnet zusätzliche Zugänge zu Lerninhalten, fördert Konzentration und Motivation und kann das Lernen für viele Kinder erfahrbarer machen. Der Infotext zeigt, was Forschung dazu sagt und wie dies im Grundschulunterricht umgesetzt werden kann.

Worum geht es?

Bewegung ist ein zentrales Bedürfnis von Kindern, gleichzeitig ist schulisches Lernen häufig durch sitzende, ruhige Arbeitsformen geprägt. Gerade im Grundschulalter fällt es vielen Schüler*innen schwer, über längere Zeit still zu sitzen und sich ausschließlich auf mündliche oder schriftlich-symbolische Lernangebote zu konzentrieren. Lehrkräfte stehen daher im Unterrichtsalltag immer wieder vor der Herausforderung, Lernprozesse so zu gestalten, dass sie sowohl die Konzentration als auch die aktive Beteiligung möglichst vieler Kinder unterstützen.

Vor diesem Hintergrund rückt das sogenannte Bewegte Lernen zunehmend in den Fokus von Forschung und Praxis. Gemeint sind Lernformen, bei denen Bewegung gezielt in den Unterricht eingebunden wird und Lerninhalte körperlich erfahren und bearbeitet werden. Bewegung dient dabei nicht allein als Ausgleich oder Pause, sondern wird als Teil des Lernprozesses verstanden.

Bewegtes Lernen eröffnet vielfältige Möglichkeiten, Unterricht abwechslungsreich zu gestalten und Lernprozesse auf unterschiedliche Weise anzuregen. Durch das Zusammenspiel von Denken, Handeln und Wahrnehmen können Lerninhalte anschaulicher werden und Schüler*innen erhalten zusätzliche Zugänge zum Lerngegenstand. Insbesondere im heterogenen Klassenverband kann dies dazu beitragen, mehr Kinder zu aktivieren und ihre Lernmotivation zu stärken.

Was sagt die Forschung?

Bewegtes Lernen1 wird in der erziehungs- und sportwissenschaftlichen Forschung unter unterschiedlichen Bezeichnungen diskutiert, etwa als Movement Integration2 oder (Physically) Active Learning3. Unabhängig von der jeweiligen Terminologie besteht jedoch weitgehend Einigkeit darüber, dass Bewegung im Schulunterricht vielfältige Potenziale bietet4. Forschungsbefunde zeigen, dass bewegungsbezogene Lernformen die Konzentrationsfähigkeit und Lernmotivation fördern können4. Darüber hinaus finden sich positive Effekte auf soziale Kompetenzen5 und den fachlichen Lernzuwachs4,6.

Wie Bewegung in Lernprozesse eingebunden wird, kann sehr unterschiedlich gestaltet sein1,7,8,9. In Modellen wird dabei häufig unterschieden, ob und wie stark die Bewegung mit dem Lerngegenstand verknüpft ist. Lernen durch Bewegung zeichnet sich dabei durch eine starke Verknüpfung aus, wohingegen Lernen mit Bewegung zumeist losgelöst vom Lerngegenstand ist. Zum Lernen mit Bewegung zählen unter anderem Bewegungspausen, bewegte Unterrichtsmethoden und alternative Lernarrangements, wie z.B. eine offene Lernlandschaft ohne feste Sitzplätze, die zur Bewegung anregen.

Besonders wirksam erweist sich das Lernen durch Bewegung8: Dies zeigt vor allem positive Effekte auf das Verinnerlichen von Lerninhalten. Wiederholte Phasen des Lernens mit Bewegung können insbesondere die Aufmerksamkeit und das aufgabenbezogene Verhalten der Schüler*innen verbessern. Kurze Bewegungspausen ohne fachlichen Bezug können dazu beitragen, Unruhe zu reduzieren und die Lernbereitschaft zu erhöhen.

Heterogenität im Fokus

Bewegtes Lernen eignet sich besonders zur Differenzierung. Es eröffnet einen weiteren, körperlich-handelnden Zugang zum Lerngegenstand. So können mehr Schüler*innen Inhalte verstehen und sich aktiv beteiligen. Durch Spiel und Bewegung kann ein niederschwelliger Zugang zum Lerninhalt geschaffen, soziale Beziehungen gestärkt und Barrieren reduziert werden.10

Digitales zum Thema 

Digitale Ansätze verbinden körperliche Aktivität mit kognitiven Lernanforderungen. Unter den Links finden Sie einige in der Praxis anwendbare Beispiele. Darüber hinaus beschäftigt sich aktuelle Forschung damit, wie technologiegestützte, bewegungsintegrierte Lernumgebungen gestaltet sein sollen, um Aufmerksamkeit, kognitive Leistungsfähigkeit und Lernprozesse zu verbessern.

Was bedeutet das für mich als Lehrkraft und was kann ich tun?

Der Einsatz von Bewegung ist längst Praxis in vielen Klassenzimmern. „Sitz aufrecht an deinem Platz und zappele nicht so!“ gilt als Leitspruch (hoffentlich) nicht mehr. Die Wissenschaft zeigt, dass Bewegung bewusst als zusätzlicher Lernzugang oder spontan als regulierendes Element eingesetzt werden kann. Gleichzeitig zeigt die persönliche Erfahrung auch, dass überfachliche Kompetenzen positiv beeinflusst werden können. Lehrkräfte nutzen Bewegungsphasen im Unterricht u.a., um

  • für Abwechslung und eine klare Struktur zu sorgen
  • dem Bewegungsbedürfnis der Schüler*innen nachzukommen
  • zu motivieren und zu aktivieren
  • die Konzentration zu steigern
  • Inhalte anschaulich und klar verständlich zu machen und so den Lernprozess zu unterstützen.

Unter Lernen mit Bewegung versteht man verschiedene lernbegleitende Elemente, die nicht unmittelbar mit dem Lerninhalt verknüpft sind. Sie können mehr oder weniger fest im geplanten Unterrichtsablauf verankert sein:

Für den situativen Einsatz von Bewegungspausen bietet sich eine im Klassenzimmer griffbereite Sammlung von kurzen Bewegungs- und Konzentrationsspielen an, die bei aufkommender Unruhe oder Müdigkeit direkt zum Einsatz kommen können und keine fachliche oder thematische Einbindung in den Unterricht benötigen. So kann auch als fachfremde Lehrkraft oder im Vertretungsunterricht direkt regulierend auf die Stimmung in der Klasse reagiert werden. Je besser bekannt die Spiele bei Lehrkraft und Schüler*innen sind, desto weniger Erklärungsaufwand wird benötigt.

Weit verbreitet sind u.a.: Flitzepause; Feuer/Wasser/Blitz; Bewegungsspaziergang, einzelne Gymnastik- oder Yogaübungen; liegende Acht in die Luft zeichnen, Jäger/Hase-Fingerspiel

Auf sogenannte bewegte Unterrichtsmethoden kann unabhängig vom Lerngegenstand zurückgegriffen werden. Die Bewegung ergibt sich nicht direkt aus dem Lerninhalt und muss im Vorfeld gezielt eingeplant werden. Es bietet sich an, eine Sammlung anzulegen, um immer wieder auf gleiche oder ähnliche Strukturen, Spiele oder Methoden zurückgreifen zu können. So können sich Routinen entwickeln, die einen reibungslosen Ablauf begünstigen

Beispiele hierfür sind u.a.: Phasenwechsel als Bewegungsanlass (vom Sitzkreis an den Platz hüpfen oder in den Kinositz schleichen); im Klassenraum verteilte Informationen einholen (Schleich-/Laufdiktat, Lese- oder Rechenspaziergang); Objekte oder Begriffe ordnen und sortieren (Zahlenfolgen, Alphabet, Entscheidungsfragen, Meinungsbarometer), Gallery Walk

Alternative Lernarrangements oder –orte (in Abgrenzung zum traditionellen Frontalunterricht) sind teilweise von wenig beeinflussbaren, äußeren Faktoren, wie z.B. der räumlichen Situation oder dem Mobiliar, abhängig. Dennoch lassen sich auch solche Ansätze im eigenen Unterricht niederschwellig umsetzen.

Möglichkeiten sind u.a.: verschiedene Arbeitspositionen testen (auf dem Stuhl sitzen, auf dem Boden sitzen, stehen); Stationen- und Projektarbeit; „grünes Klassenzimmer“; Unterrichtsgänge.

Eine themenerschließende Funktion bietet das Lernen durch Bewegung. Diese Form des Bewegten Lernens setzt passende Bewegungen gezielt als zusätzlichen Informationszugang zum Lerninhalt ein. Dadurch kann der Lernprozess besonders effektiv unterstützt werden. Hierbei ist die Bewegung eng an den Lerninhalt geknüpft oder geht sogar daraus hervor. Für die Lehrkraft bedeutet dies ggf. einen erhöhten Vorbereitungs- und Planungsaufwand, da eine intensive Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand und dem Setting unabdingbar ist. Es müssen verschiedene Anwendungsformen gefunden, ausgewählt, modifiziert/differenziert und erprobt werden. Zudem existiert keine 100%-Abdeckung für jeden Lerninhalt. Es ist ein fließender Übergang von Lernen mit Bewegung zu Lernen durch Bewegung. Je intensiver die Bewegung allerdings mit dem Lerngegenstand inhaltlich und unmittelbar-zeitlich verknüpft ist, desto effektiver kann sie den Lernprozess unterstützen.

Bewegungen, die sich aus dem Lerninhalt ergeben, sind u.a.: Gewichte schätzen und wiegen; Kilometer ablaufen; Satzbaupläne kooperativ erfahrbar machen; Umstellprobe; Standbilder zu Figurenkonstellationen; Verkehrserziehung; Bewegungsexperimente zum leiblichen Erfahren von naturwissenschaftlichen Phänomenen (z.B. Zentripetalkraft).

Aus der Perspektive von Grundschullehrkräften zeigen Studien, dass die Umsetzung von Bewegtem Lernen von komplexen Bedingungen abhängt3. Neben kontextuellen Gelingensbedingungen und adäquaten Ressourcen erscheint das Zutrauen der Lehrkräfte in sich selbst, Bewegtes Lernen im eigenen Unterricht umsetzen zu können, entscheidend3. Mit dem nötigen Selbstbewusstsein und Mut, es einfach mal auszuprobieren, ist demnach bereits viel getan!

Zusatzmaterial: Weitere nützliche Links und Beispielmaterialien zum downloaden

Fazit

Bewegtes Lernen bewusst in die Unterrichtsplanung einzubeziehen, bringt etliche positive Effekte mit sich. Besonders hervorzuheben ist dabei das Potenzial von Bewegung als alternativen, zusätzlichen und vertiefenden Zugang zum Lerninhalt in heterogenen Klassen. Auch wenn die Einbindung von Bewegung in den Unterricht nicht ohne Herausforderungen möglich ist, lohnt es sich, es auszuprobieren.

Autor*innen

Dieser InfoTEXT ist eine Wissenssammlung, der die Expertisen aus Forschung und Praxis vereint, indem er in mehreren Schritten von Grundschullehrkräften und Bildungswissenschaftler*innen kokonstruktiv ausgehandelt wurde. In KONTEXT Grundschule entstehen weitere solcher InfoTEXTe, die zukünftig auf einer vom BMBFSJ geförderten Clearinghouse-Webseite im Rahmen des bundesweiten lernen:digital-Verbundprojektes veröffentlicht werden.

Literatur

  1.  Laging, R. (2017). Bewegung in Schule und Unterricht. Anregungen für eine bewegungsorientierte Schulentwicklung (Vol. 1). Kohlhammer.
  2. Vazou, S., Webster, C. A., Stewart, G., Candal, P., Egan, C. A., Pennell, A., & Russ, L. B. (2020). A Systematic Review and Qualitative Synthesis Resulting in a Typology of Elementary Classroom Movement Integration Intervrentions. Sports Medicine, 1-16.
  3. Daly-Smith, A., Morris, J. L., Norris, E., Williams, T. L., Archold, V., Kallio, J., Tammelin, T. H., Singh, A., Mota, J., von Seelen, J., Pesce, C., Salmon, J., McKay, H., Bartholomew, J. & Resaland, G. K. (2021). Behaviours that prompt primary school teachers to adopt and implement physically active learning: a meta synthesis of qualitative evidence. International Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity, 18. https://doi.org/https://doi.org/10.1186/s12966-021-01221-9
  4. Watson, A., Timperio, A., Brown, H., Best, K., & Hesketh, K. D. (2017). Effect of classroom-based physical activity interventions on academic and physical activity outcomes: a systematic review and meta-analysis. International Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity, 14. https://doi.org/10.1186/s12966-017-0569-9
  5. Riley, N., Lubans, D. R., Morgan, P. J., & Young, M. (2015). Outcomes and process evaluation of a programme integrating physical activity into the primary school mathematics curriculum: The EASY Minds pilot randomised controlled trial. Journal of science and medicine in sport, 18(6), 656-661.
  6. Donnelly, J. E., & Lambourne, K. (2011). Classroom-based physical activity, cognition, and academic achievement. Preventive Medicine, 52, 36-42. https://doi.org/10.1016/j.ypmed.2011.01.021
  7. Hildebrandt-Stramann, R., Beckmann, H., Neumann, D., Probst, A., & Wichmann, K.(2017). Bewegtes Lernen. Theoretische Grundlagen und reflektierte Unterrichtsbeispiele. Schneider.
  8. Mavilidi, M. F., Pesce, C., Benzing, V., Schmidt, M., Paas, F., Okely, A. D., & Vazou, S. (2022). Meta-analysis of movement-based interventions to aid academic and behavioraloutcomes: A taxonomy of relevance and integration. Educational Research Review, 37, 100478. https://doi.org/https://doi.org/10.1016/j.edurev.2022.100478
  9. Russ, L. B., Webster, C. A., Beets, M. W., Egan, C., Weaver, R. G., Harvey, R., & Phillips, D. S. (2017). Development of the System for Observing Student Movement in Academic Routines and Transitions (SOSMART). Health Educ Behav, 44(2), 304-315. https://doi.org/10.1177/1090198116657778
  10. Müller, C., & Dinter, A. (2020). Bewegte Schule für alle - Modifizierungen eines Konzeptes der bewegten Schulen für die Förderschwerpunkte Lernen, geistige, motorische, emotionale und soziale Entwicklung, Sprache sowie Hören (Vol. 2). Academia.